Dauerausstellungen
Fernand Semma – Die Stille ist der Unruhe Herr
In der Dauerausstellung „Fernand Semma – Die Stille ist der Unruhe Herr“ befinden sich seit 2013 Werke aus dem Nachlass des Buchener Künstlers. Darunter Skulpturen, Reliefs, Zeichnungen, Lyrik, Fotografien und Auszüge seiner alltäglichen Gegenstände, welche durch seine Gestaltung der Kunstrichtung Individuelle Mythologie zuzuordnen sind. Die Kopie der Totenmaske des vermeintlich unehelichen Komponistensohns Dr. Prof. Johannes Gall-Mahler und Fragmente des Werks Objekt Wasser befinden sich in der umfangreichen Sammlung, welche Kunsthistorikern zum Austausch bereit steht.
Fernand Semma kam am 16.05.1944 in den Nachkriegswirren in Rastatt zur Welt. Seinen französischen Vater, Fernand Maillard, lernte er nie kennen und landete mit 9 Jahren zunächst im Odenwald, bevor er an der Staatlichen Bildhauerschule in der Rhön bei Prof. Philipp Mendler und Richard Mühlemeier studierte. Sein Lebensweg brachte ihn 1982 nach Buchen, wo er seine Kunst entstehen ließ und nach Außen trug. Er erhielt zahlreiche Aufträge und Wettbewerbspreise, sowie Ankäufe von Kommunen und der Bundesrepublik Deutschland. 1996 konvertierte er zum Judentum und verstarb 1999 in Heidelberg.
Fernand Semma´s Kunst ist der Individuellen Mythologie zuzuordnen. Seine Weltsicht, Lebensstationen und Auseinandersetzungen widerspiegeln sich in seinem Werk.
Weitere Infos: YouTube (Fernand Semma – Die Stille ist der Unruhe Herr) und Wikipedia
Im vergangenen Jahr fand im Bezirksmuseum Buchen ein feierliches Erinnern an den Buchener Bildhauer Fernand Semma statt, der 2024 achtzig Jahre alt geworden wäre. Am 20. Mai 2024 sammelten sich zahlreiche geladene Gäste und Interessierte im Museumshof, die bei strahlendem Sonnenschein die ungewöhnliche Eröffnung erleben konnten.
Eine offene Bühne und ein Sektempfang mit Stehtischen waren vor dem Marstall-Gebäude gerichtet und eine lange Tischbahn lud das Publikum, erinnernd an Semmas längste Malstraße der Welt, zur kreativen Gestaltung ein. Der neunzigminütige Kinofilm Fernand Semma – Die Stille ist der Unruhe Herr war im Saal des Marstalles bereit für die Vorführung. Nach der Begrüßung des Vorsitzenden Dr. Wolfgang Hauck folgten die Reden von Landrat Dr. Achim Brötel und Bürgermeister Roland Burger. Eine Laudatio der Künstlerin Anna Tretter, die Fernand Semma bereits 1976 während der gemeinsamen Ausbildung bei Prof. Philipp Mendler an der Bildhauerschule in der Rhön begegnete und ihm auch danach zeitlebens freundschaftlich verbunden war, bot anschließend einen detaillierten Einblick in das Gesamtwerk von Fernand Semma. Die Etappen seines Schaffens und der Einfluss einzelner Lebensstationen auf sein Œuvre, sowie eine kunsthistorische Einschätzung wurden dem Publikum unterbreitet.
Laudatio von Prof. Anna Tretter:
Á Fernand Semma. Biografisch, anekdotische Notizen.
Oder: Wie das Leben die Kunst und die Kunst das Leben formt.
Name: Semma, Rufname: Horst, geb. am 16. 5 1944 in Rastatt;
In seinem Bewerbungsformular für die Aufnahme an der Holzschnitzschule Bischofsheim a.d.Rhön, trägt er ein:
Hauptwohnsitz: Hardheim
Badische Landessiedlung 6,
Konfession: römisch,
verheiratet.
- Volksschule bis 8. Klasse
- Berufsausbildung zum Bäcker von April 1959 bis März 62
Unterschrift: Horst Semma, Bischofsheim, 28.6.76
Ich erinnere mich daran, dass er mir weitere Berufsausübungen nannte, den als Sanitäter und als Zimmermann.
Kennengelernt habe ich Horst in Bischofsheim, als er seine Ausbildung begann.
Er 32, ich 20 Jahre alt.
In dieser Zeit fuhr ich mit ihm freitags in seinem 2CV (deux-schö-wö, wie er es aussprach) nach Hause. Unterwegs hielten wir in Hardheim, packten Tochter Isabelle und seine Gitarre ein, und weiter ging es nach Kirchzell, wo ich wohnte.
Meine Familie erinnert sich heute noch daran, wie schön er mit meinem Großvater Josef Throm plauderte, der Schmied war. Es war immer ein vergnügliches, vertrauensbildendes Beisammensein.
Mit der Aufnahme an der Holzschnitzschule änderte sich für Semma Vieles. Die Trennung unter der Woche von seiner Frau Elisabeth und den zwei Kindern Isabelle und André, hinein in eine etwas andere Familie, in ein alternatives, kritisches, unkonventionelles Umfeld, vergleichbar etwa den Schilderungen vom Bauhaus in Weimar und Dessau.
Der Leiter der Schule, Philipp Mendler, ehemals ein Student von Prof. Wimmer an der Akademie in Nürnberg, war Villa Massimo Preisträger. Er eröffnete nach seinem Studium die inzwischen geschlossene Holzschnitzschule, wo er einst lernte.
In seiner Zeit als Stipendiat in Rom schuf Mendler abstrakte Skulpturen aus geschnürten Milch-Plastiktüten.
Er vermittelte uns, neben dem feinen künstlerischen Erarbeiten der klassischen Bildhauerei, das über das Handwerk hinausgehende, das Philosophische.
Stets trug er zum Unterrichten einen weißen Arbeitsmantel.
Er sah Christian Morgenstern sehr ähnlich.
Mendler stand der Kant'schen Metaphysik der Freiheit nahe, welche beinhaltet
den selbstbestimmten individuellen Mut,
die moralische Verantwortlichkeit des Einzelnen,
die Welt gestaltend mitformen.
Was können wir wissen? Was können wir tun?
Ergo: wir haben die Pflicht zu hoffen.
Ein weiterer Lehrer dem Semma Hochachtung zollte, war Richard Mühlemeier. Einst eingeschrieben in der legendären Beuysschen Klasse in Düsseldorf, brachte er uns die zeitgenössische Kunst nahe. Wissenschaftlich sehr gebildet, war er Legastheniker, der sich sein Wissen in Bildern notierte.
Mit ihm besuchten wir Ausstellungen, u.a. die der Sumerer in Hildesheim. Wir fuhren zu einer Brancusi Ausstellung und zur Documenta 5.
Mühlemeier erhielt in München (wo er vormals bei K.F. Dahmen studierte, wie später auch ich) den bayerischen Staatspreis. Er war ein herausragender Handwerker, der zur gleichen Zeit am Stengerts, eine ehemalige Arbeitersiedlung am Ortsrand von Bischofsheim, eine Schreinerwerkstatt installierte.
Mit ihm lasen wir damals schon ADORNOS Ästhetische Schriften.
Leider verstarb er schon in seinem 32. Lebensjahr.
Künstlerisch geprägt war unsere Zeit von Neuformulierungen in der Kunst von
Harald Szeemann auf der Dokumenta 5 in Kassel 1977, die Furore machten.
Topics waren
die Befragung der Realität, Bildwelten heute,
Künstler schaffen künstlerische Räume,
Rückzug ins Private,
Spurensuche.
Fundstücke werden in Schaukästen und Vitrinen präsentiert.
Spurkunst.
Eine Fuhre Mist wurde vor das Fridericianum gekippt.
Es ist die Zeit der Ölkrise,
Umweltschutz,
Vietnamkrieg
- make art not war -,
Feminismus.
Punk,
Breakdance,
Graffiti,
hiphop.
Individuelle Mythologie und Gesamtkunstwerk.
Der erweiterte Kunstbegriff, ein alle Gattungen umspannender Anspruch, der die nie vollendete Universalpoesie in Leben und Gesellschaft tragen solle.
Aktionskunst, und
von Hobby wissenschaftlichem über kindlich Naivem, bis zu quasi
schamanischem Tun.
Alles Begriffe, die an das Schaffen von Semma erinnern.
Neue Künstlernamen wurden wichtig,
wie Joseph Beuys der den erweiterten Kunstbegriff prägte, oder
Walter de Maria, der einen Erdraum in einer New Yorker Galerie ausstellte.
Der Museumsmacher Cladders bringt die amerikanische LandArt nach Mönchengladbach. Künstler wie Richard Long, z.B., legt großformatige Steinspiralen in die Landschaft.
1979 wurde seine Tochter Caroline geboren,
und Semma beendete seine Ausbildung als gelernter Holzbildhauer mit Gesellenbrief.
Ab 1980 restaurierte er das kleinste und älteste Fachwerkhaus in der Hofstr. 5 in Buchen. Dafür erhielt er von der Architektenkammer die Auszeichnung für „Beispielhaftes Bauen“.
1982 zog die Familie ein.
Im Anbau befand sich seine Werkstatt, das Atelier CHATEAUNEUF.
Der „Bildhauer-Poet“ prägte von hier aus aktiv mitgestaltend die Kunstszene vor Ort und Umgebung. Er organisierte Symposien, realisierte Projekte und Künstlertreffen.
Er startete mit einem Bildhauer Symposium im Hof des Buchener Bezirksmuseums im Juni1982 mit dem Vorhaben, dass die Arbeiten dann an öffentlichen Plätzen der Stadt aufgestellt werden sollen.
Parallel entstand das Objekt DECKEL EINES TONFASSES. Eine Scheibe ist mit Lederresten beklebt. Es sind gebrauchte offene Schuhverschlüsse seiner in Buchen ankommenden Familie.
Ein Rückenakt aus Holz, weiß bemalt, als Griff in der Mitte.– eine Annäherung an das Wahrzeichen von Buchen, den „Blecker“ -
Die Arbeit wirkt wie eine dadaistische Relief-Collage.
1983 entstand ein früher Text mit Titel IRGENDWER, sowie
das vergoldete Holzrelief SCHWANGERE FRAU MIT KIND.
1984 wird ein weiterer Sohn geboren. Er nannte ihn Philippe, eine Hommage an seinen verehrten Lehrer.
Semma veranlasste, dass Philipp Mendler für seine Leistungen den Bundesverdienstorden erhielt.
Ab 1984 nannte er sich Fernand.
FER, wie Eisen? Non , Fernand.
Ist Semma, ein phonetischer Stolperer mit der Frage nach der Bedeutung der Wörter und Zeichen in der Semantik?
In den Jahren 1983–1985 unterrichtete er einige Schüler.
Wahrscheinlich war dies die Zeit, als er sich ein Huhn als lebendige Arbeitsvorlage in sein Atelier holte. Als er dieses in den Stall zurückbrachte, ließ es sich nicht mehr integrieren.
Das zum „Model“ gewordene Gefieder wurde von den Artgenossen zerhackt.
Sein Werk FRITZ, das Huhn, wurde vom Regierungspräsidium in Karlsruhe angekauft und befindet sich heute im Museum Ritter.
1984 realisierte er die MALSTRASSEn in Buchen und Mosbach mit der Aufforderung an alle BürgerInnen kreativ mitzuwirken.
Mit unserer heutigen Mal- Aktion im Anschluss erinnern wir uns an sein Engagement und lassen ihn somit präsent werden.
Bei Fernands Aktion WASSER von 1985 /86, hatte er Reagenzgläser in Beton gegossen. Zu dem Projekt gehörten Protestschilder mit Aufschriften zum Schutz der Umwelt.
Schon vor 40 Jahren so wichtig wie heute.
Durch öffentlichen Vandalismus wurden die Gläser zu offenen zu Scherben.
Seine Installation eskalierte zu einem Skandal.
Soweit ich mich erinnere, waren dies vorwiegend Bedenken bzgl. einer Verletzungsgefahr - wobei die Arbeit genau dies thematisiert und darstellt.
Er reagierte1985 mit seinem Text. 1985 DER IGNORANT.
- 1991 entstand eine Figur in Holz gleichen Titels.
1986 folgen weitere Texte, der MENSCH X und DER ! !.
Im gleichen Jahr entstanden
- ein farbiges schmales Holzrelief mit halb verdecktem Außenspiegel,
darüber ist „KÜNSTLERLIED“ einschrieben,
- ein Relief in Blattgold gefasst
KIND, ZEIG MIR DAS LAND DER ZUCKERWATTE und der
- VOGELMENSCH. Eine Holzskulptur mit um die Hüfte geschlagenem Bleituch, welches einen erigierten Penis verbirgt.
Fernand war mutig, er unterbracht die Sehgewohnheiten in seinem Lebensraum Buchen.
1987 erlitt er einen Nervenzusammenbruch.
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Seine Mutter starb unerwartet.
Bei der Wohnungsauflösung fand er eine Ahnentafel mit den Namen Cichon und Devigol.
ANNA ROSA, der Mutter, widmete er im gleichen Jahr, eine Büste aus Nussbaum. Leicht neigend, fehlt ihr rechts ein Teil zur Symmetrie. Fast mittig, gewiss nicht zufällig, sind hier natürlich gewachsene Risse im Holz, die an dieser Stelle, am Herzen? in das Werkstück eingebunden sind.
Ab hier ändert sich die sonst geschliffene Oberflächenstruktur abwärts, die halbrunden Spuren des Schnitzeisens sind sichtbar.
Auch das Werk CICHON (laut Übersetzung: Die Stummen, slawische Siedler, die die einheimische Sprache nicht kannten)
– BESCHLÄGE MEINER AHNEN von 1988 widmete er seinen Vorfahren.
Auf einer bemalten Scheibe sind antike Türbeschläge und zwei alte Türgriffe befestigt. Erstaunlich bunt für ihn: gelb, blau, weiß sind die dominanten Farben.
In MEIN KÜNSTLERISCHES SCHAFFEN erfahren wir von ihm
„Poesie meiner Skulpturen /
So mache ich die Dinge aus Liebe zu den Menschen
aber ich habe keine Illusionen.
Gefasst in Holz, Blei, Ton. …
vom Thema zur Plastik. ...“
Die Rhein-Neckar Zeitung berichtete im Juni 1987 über das Künstlertreffen
"Menschen in Ton - der Ton im Menschen"
Fernand Semma, Initiator und Organisator, schuf eine „Erdbezogene Spur“, die in Entstehen und Verschwinden die Vergänglichkeit des Menschen aufzeigte.
Zum Bildhauer Symposium, ebenso im Eberstädter Schlosshof, berichtete die Rhein-Neckar Zeitung:
"Wir werden langsam ernst genommen".
Ein Bildhauer, ein sensibler Mensch ist am Werk, am figürlichen Gestalten.
Fast reliefartig sind die Oberflächen von außen her bearbeitet, zeichen- und geformt eingraviert.
Gefundene Eisenteile sind oft Bestandteile seiner Skulpturen.
Das Alter, die Patina darf mitgestalten.
Er betont oder stilisiert die Geschlechtsmale.
Sein Werk umfasst Skulpturen, Stelen, Reliefs, Objekte, Skizzen und Lyrik.
Fernands Arbeiten sind sehr schlicht. Vorwiegend bearbeitet er das Material Holz. Der Werkblock bleibt meist erhalten.
Die Skulpturen sind schwer, geerdet und gleichzeitig auf Anderes verweisend, sind poetisches Bild.
Er sagte „Der Baum warte darauf, bearbeitet zu werden“.
Die Originale sind fassbar da, auch seine Schriften. Sie ermöglichen uns sein „Bildliches Erinnern“ zu deuten, um damit sein Denken und Empfinden, seine Herangehensweise kennenzulernen.
Fernands lyrische Aussagen sind oft rätselhaft, stockend, fügen sich zu einer Art künstlerischem Statement, die seine Gedanken biografisch erinnern.
Die Lyrik, wie auch Titel seiner Werke offenbaren die Umstände und Bedingungen seines Tuns. Vor allem sind dies Aussagen für das Mensch-sein, für die Freiheit, für die Kunst.
Fernand Semmas Arbeiten sind archaisch und wie aus der Zeit gefallen.
Sie erzählen von Vergangenem aus fernen Welten.
Fernands Universum ist eine individuelle Mythologie, wie eine Botschaft aus dem Jenseits, „Letter“ sagt er.
„ ... Und das alles vor Sonnenaufgang.
…. das man die Zeit benennt auszudrücken. … der Besuch kommt nicht. … die Brücke öffnet sich des Gartens Farbe hell.
In Fernands Werk finden wir Themengruppen, die er auch zeitversetzt wieder aufgreift.
Ab1980 den Kugel FORMENZYKLUS, bestehend aus einer ERDKUGEL, in Eichenholz, gefasst mit Blei und Eisenkette. 1982 das SAMENKORN und ÖFFNUNG, die KUGEL IM APFELBAUM (1983) und die KELTISCHE KUGEL 1988.
Es gibt Ahnenscheiben, es gibt den TANZ und TÄNZERINNEN, die UBU ROIs.1
Er behandelt mehrmals den ÜBERTRÄGER VON RAUM UND ZEIT, das PFERD.
Wobei er bei dem blauen Pferd SPRUNG (hier im Bezirksmuseum zu sehen) die Schaukelbögen einfach um 180 Grad dreht, und das Pferd springt.
Themenpaare wie LEBEN und TOD,
EVA und ADAM, JULIANE und THERESA entstehen.
Die etwas andere Werkgruppe INTERPRÉTATIONEN, I, II, III von 1994 sind aus einzelne Spreiseln aus Kiefernholz, die mit Schnüren, Eisenbändern und Kupfer neu zusammengefügt werden.
Die letzte Themengruppe, die ich hier nennen will ist abstrakter, metallischer, brüchiger.
BIEGEN IM WIND ist eine Holzfigur von 1991, die er in Metallgitter einhüllt.
WOYZECK ist ein hoher rechteckiger Pfeiler aus Hasendraht mit Metall und Gips Letztlich die URAUFFÜHRUNG, ein kleines verschlossenes Bleibuch, auf vertieften Etikett steht das Wort „Theater“. 2
Eine Hommage an Anselm Kiefer?
Er sagt „Kunst soll eine Form Theater des Lebens sein.“
Seine Skulptur MONSIGNEUR 100 000 VOLT, 1995, eine Hommage an den sogenannten französischen Sänger Gilbert Becaud, dem weltbekannten Lied
„L´important cést la rose“?
Oder wie Joseph Beuys sagte: „Ohne Rose tun´s wir nicht.“?
Was war das Französische an Fernand Semma?
Als Sohn der Hotelangestellten Anna Rosa Semma und des französischen Kriegsgefangenen Fernand Louis Joseph Maillard wurde er im Hotel Schwert 1944 in Rastatt geboren. Der Vater musste nach dem Krieg nach Frankreich zurückkehren.
Er wuchs im badisch-elsässischen Grenzbereich bei seiner Mutter und bei seiner Tante im amerikanischen Sektor in Plieningen auf.
Einzelne französische Wörter tauchen in seiner Sprache auf.
Ein Bohéme mit Vollbart in „Handwerker - Wanderjahre- Kluft“:
Kordhose, Schnalle, schwarze Weste, behängt mit Amuletten, Kappe und Stiefeln.
Er signierte mit eigenem Kerbschnittzeichen.
Eine Künstlererscheinung par excellence. Eine Figur.
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1988 bezog er ein kleines Schäferhaus in Buchen, am Ortsausgang Richtung Zittenfelden. Mühltal 10, Atelier CHATEAUNEUF II.
Er baute um, und so wurde daraus im Laufe der Jahre eine quasi architektonische Skulptur, ein Gesamtkunstwerk am Hang.
Auf kleinstem Raum wurde z.B. durch eine quadratische Öffnung im Boden ebenerdig, das untere Stockwerk mit Sicht ins Tal zugänglich gemacht.
Es war seine Behausung und Arbeitsstätte, Sammelplatz und Rückzugsort.
1991 wurde seine erste Ehe geschieden. Er erlitt einen Schlaganfall.
1992 realisierte er für die Liberale Jüdische Gemeinde in der Synagoge Gießen einen Thora-Schrein . Er bekennt sich zum Judentum.
VON MIR – WIR SIND NICHT DIE ZEIT – GOTT LEIH MIR DEIN OHR – FER SEMMA 1992
lautet die Inschrift einer Ofendeckplatte in meiner Werkstatt in Amorbach, die Fernand im Auftrag einer Kunstsammlerin mir zu meinem 36. Geburtstag gestaltete.
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1995 Ehe mit Claudia Assimus
Am 23. Februar 1999 kam seine Tochter, Naomi Semma zur Welt.
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Im August 1999 wurde bei Fernand ein Lungenkrebs diagnostiziert, an dem er
im Oktober im Universitätsklinikum Heidelberg verstarb.
Im Alter von 55 Jahren.
.
„ICH SUCHE NACH EINEM WORT, lesen wir, und:
…. des Künstlers, die doch Fäden des Lebens beinhalten – der Baum hat Zeit – Strichzeichnung des Horizonts verbessern. Bitte nicht dahinter zu sehen. - man ist nicht bereit, dem Künstler zu geben, wofür er studierte und Lebenserfahrung sammelte, das man Zeit benennt auszudrücken – Erkenntnis oder Vermächtnis der Skulptur.„
Freunde fürs Leben – so hatten wir uns bei unserem letzten Treffen in seinem Atelier CHATEAUNEUF II im Herbst 1999 verabschiedet.
Posthum,
2002: veröffentlicht seine 2. Frau Dr. Claudia Assimus begleitend zur Retrospektive
im Bezirksmuseum Buchen, den Katalog: Fernand Semma.
Einige Arbeiten mehr sind nun Bestandteil des Bezirksmuseums Buchen geworden.
Ankäufe tätigten neben Privatsammlern, auch das Land Baden-Württemberg, Heidelberg, Paris.
Im Atelier CHATEAUNEUF, in der Hofstraße in Buchen arbeitet weiterhin Fernands älteste Tochter Isabelle, die mich eingeladen hat, die Laudatio für ihren Vater zu halten.
Sie bewerkstelligte 2015 einen Film über ihn „Fernand Semma - Die Stille ist der Unruhe Herr“
Davor, 2014 fand ihm zu Ehren ein Symposium mit Bildhauer-Freunden; vor allem aus der ehemaligen Holzschnitzschule in Cereste, Frankreich, statt.
Ihr danke ich im Besonderen, dass sie sich für sein künstlerisches Überleben intensiv und immer wieder neu belebend einsetzt. Herzlichen Dank, liebe Isa.
Sein Blockhaus mit dazugehöriger Wiese, nahe dem ehemaligen Atelier CHATEAUNEUF II, wird weiterhin für Kulturveranstaltungen genutzt.
Träger ist der Kunstrasen Buchen e.V. Gründungsmitglieder und aktiv dabei sind Isabelle und ihre Schwester Caroline Semma.
Seine Tochter Naomi studiert Kunst an der Akademie in Stuttgart.
Ganz im Sinne Fernands, der sagte:
MEINE ARBEITEN GEHEN AUF WANDERSCHAFT – ICH REISE MIT.
Anna Tretter, Mai 2024
1 König UBU ist eine Gesellschaftssatire von Alfred Jarry, Schriftsteller und Dramatiker 1873-1907), die 1896 in Paris uraufgeführt wurde und für viel Wirbel sorgte. Bejubelt von den Dadaisten, zerrissen von der Presse.
2 Die Arbeit befindet sich im Museum Ritter
Im obersten Stockwerk des Trunzerhauses zeigte sich die Dauerausstellung zu Fernand Semma in ihrer neuen Präsentation. Eine gezielt eingesetzte Beleuchtung, ein frisch geölter Holzboden, neu angefertigte Podeste wurden im Vorfeld vom Museumsteam liebevoll installiert. Die Mühen wurden belohnt, denn sie unterstützen die Wirkungskraft der Werke des Künstlers und verdeutlichen seine besondere Formensprache. Eine Besonderheit gab es zusätzlich: Die Besucher konnten beim Betrachten die von Stefan Müller-Ruppert, eigens für dieses Event, aufgenommenen lyrischen Texte von Fernand Semma via Audio anhören.
Der Aufmerksamkeit dieser gelungenen Veranstaltung geschuldet, meldeten sich im Nachfeld viele Interessierte bei den im Museumsprogramm angebotenen Fernand Semma-Museumsführungen an. Erfreulicher Weise konnte auch die Fernand Semma-Sammlung des Bezirksmuseum Buchen durch aktuelle Schenkungen erweitert werden.
Naomi Semma, die jüngste Tochter des Bildhauers, übergab ein weiteres wichtiges Werk aus ihrem privaten Bestand als Schenkung an das Bezirksmuseum. Die beiden Vitrinen, welche bereits in der Retrospektive des Bezirksmuseums (2002 Unter meinen Händen schlägt es Feuer) ausgestellt wurden, zeigen einen Einblick in Lebensereignisse des Künstlers, welche sich in den ausgestellten Dingen widerspiegeln. Die gesammelten Utensilien sind in ihrer Gesamtheit als künstlerisches Werk einzuordnen und zeigt einmal mehr den Einfluss der Beuys´schen Linie in Semma´s Werk, welchen er durch seine Ausbildung bei seinem Lehrer Richard Mühlemeier erhielt.
Text: Isabelle Semma, Tochter des Künstlers